Anerkennung der Kurdischen Identität

Gleiche Pflichten. Gleiche Rechte.

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Resad Özkan: „Zwischen Integration und Assimilation - Zur Situation der Kurden in München“ - 300 S./Forschung an der Universität München (LMU)

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Aas Leben in einer multikulturellen Gesellschaft mit all seinen Auswirkungen ist ein viel diskutiertes Thema auf allen politischen Ebenen und in der breiten Bevölkerung. Daß München als multikulturelle Stadt gilt, ist angesichts des Ausländeranteils von 21,6 % (1996) unumstritten, ja es wird sogar von einer „Einwanderungsstadt“ gesprochen, ein Begriff, der nicht nur den derzeitigen Status charakterisiert, sondern auch zukünftige Einwanderungsperspektiven impliziert.

Da die politische und soziale Problematik dieses Themas fast alle Münchener Bürger und fast alle Bereiche des öffentlichen Lebens direkt involviert, ist es nötig, die damit verbundenen Fragen sehr genau und differenziert zu durchleuchten. Nur so kann ein populistischer Mißbrauch des Themas, z.B. zu Wahlkampfzwecken, vermieden werden.Die Untersuchung einer Minderheit in München, der Kurden, kann in seinen verschiedenen Teilaspekten einen Beitrag dazu leisten, einige der brisantesten Fragen, die das Leben in einer multikulturellen Gesellschaft betreffen, zu erläutern. Dies wird anhand des kulturellen Austausches dreier Gruppen mit verschiedenartigem Status gezeigt: Der aufnehmenden Gesellschaft und Mehrheit, Deutschland, einer seit Jahrzehnten etablierten größeren Minderheit, den Türken, und einer in ihrer Nationalität nicht anerkannten kleineren Minderheit, den Kurden.

Die gesellschaftliche Frage nach Integration, bzw. Segregation steht dabei als Forderung aller Seiten an erster Stelle. Des weiteren werden Aspekte der Einbürgerungspolitik, der sozialen Spannungen, z.B. am Arbeits- und Wohnungsmarkt, der Bildungspolitik und am Rande auch der Asylpolitik angesprochen. Da sich die Untersuchung nur auf eine Migrantengruppe bezieht , kann sie auch nur einen Teilaspekt der Gesamtproblematik aufzeigen. Nur im Zusammenhang mit einer differenzierten Untersuchung aller Migrantengruppen mit Berücksichtigung der unterschiedlichen Aufenthaltsgründe (z.B. Asylbewerber, Aussiedler, Arbeitsmigranten etc.) könnte man zu einem umfassenden und vollständigen Ergebnis kommen. Diese Arbeit versteht sich als ein kleiner Beitrag dazu. Sie zeigt an einem Beispiel, nämlich der Beziehung der Kurden zu Türken und Deutschen, die Chance eines Lebens innerhalb einer multikulturellen Gesellschaft auf.

Hauptkriterium der Untersuchung ist die Hypothese der „doppelten Ghettobildung“ der Kurden in sozialer Hinsicht. Die Kurden, die von der aufnehmenden deutschen Gesellschaft nicht als eigenständige Volksgruppe anerkannt werden, sondern als Teil der türkischen Minderheit gelten, stehen aufgrund dieser Situation einem doppelten Integrationshindernis gegenüber. Sie haben, um sich in die deutsche Gesellschaft integrieren zu können, auch die Barriere der Loslösung aus der Gruppe der türkischen Migranten zu überwinden. Ob, inwiefern und inwieweit eine Integration unter diesen Umständen gelingen kann oder es zu einer „doppelten Ghettobildung“ kommt, ist Gegenstand der vorliegenden Untersuchungen.Die Untersuchung findet vor dem gesellschaftlichen und politischen Rahmen der Stadt München statt. Sie bezieht die in München lebenden Kurden aus dem Herkunftsgebiet „Nord-Kurdistan“ ein, das in der derzeitigen „türkischen Republik“ liegt und aus dem ca. 90 % der in München lebenden Kurden stammen.

Die Auswertung der Untersuchungen ist deswegen von besonderer Relevanz, da es, durch die Einordnung der Kurden nach ihrer jeweiligen Staatsangehörigkeit, keine soziologische Studie in größerem Umfang gibt, die sich explizit mit der Situation der Kurden in München auseinandersetzt.

Im einzelnen wurde folgendermaßen vorgegangen: Zunächst wird ins Thema eingeführt. Dies geschieht durch Aufzeigen von Hintergründen, sowohl zur Vorgeschichte der Migration aus den türkisch-kurdischen Gebieten als auch zur türkisch-kurdischen Problematik.

Im nächsten Teil der Untersuchung werden die Begriffe „Integration“, „Assimilation“ und „Segregation“ definiert und auf diese Weise ein theoretischer Rahmen bestimmt, mit dem die späteren Ergebnisse der empirischen Untersuchung verglichen werden können.

Auch der für diese Arbeit zentrale Begriff der „doppelten Ghettosituation“ wird hier konkretisiert und spezifiziert.

Um Rückschlüsse sowohl auf die Situation der Kurden als auch auf die Beziehung der kurdischen und türkischen Minderheiten untereinander schließen zu können, wird danach die Situation der Türken bzgl. „Assimilation“, „Integration“ und „Segregation“ aus bereits bestehenden Studien abgeleitet.

Im Hauptteil schließlich, werden die allgemeinen Arbeits- und Lebensbedingungen, bzw. das soziale und politische Umfeld der Kurden in München einer näheren Betrachtung unterzogen. Dies geschieht durch die Auswertung einer empirischen Studie, die der Verfasser anhand des im Anhang beigefügten Fragebogens durchgeführt hat.

Stichprobenhaft wurden 78 Kurden in München mit der Beantwortung ausgewählter Fragen betraut, um diese Ergebnisse dann mit der zentralen Frage nach einer „doppelten Ghettobildung“ zu verknüpfen. Diese empirische Untersuchung versteht sich aufgrund der Anzahl der befragten Personen nicht als repräsentativ, stellt jedoch trotzdem ein tendentielles Bild der Situation der Kurden in München dar, das nun mit dem theoretischen Konzept aus dem ersten Teil der Arbeit abgeglichen werden kann und in seiner Gesamtheit zu einem Ergebnis führt. Dieses Ergebnis in bezug auf „Assimilation“, „Integration“ und „Segregation“, bzw. Beziehungen zu Türken und Deutschen wird primär im Zusammenhang mit der Frage nach einer „doppelten Ghettobildung“ ausgewertet, deren Beantwortung das Hauptanliegen dieser Arbeit ist.Schließlich folgt ein kurzer Ausblick auf die zukünftige Situation der Kurden in München. Durch die gewonnenen Erkenntnisse werden Vorschläge zur Verbesserung der derzeitigen Situation gemacht. Die Fragen, ob und auf welche Weise eine bessere Integration möglich ist und welche politische Maßnahmen ergriffen werden müßten, um eine Verbesserung zu erreichen, werden hier abschließend erörtert.

Ergebnisse der empirischen Untersuchung

Die Ergebnisse der empirischen Studie über das Leben der Kurden in München ergeben insgesamt eine hohe Integrationsbereitschaft der Kurden in die deutsche Gesellschaft, bei gleichzeitig indifferentem oder sogar konfliktgeladenem Verhältnis zu den Türken. Ein direkter Vergleich der beiden Migrantengruppen stellt sich als sehr schwierig dar, da die in der Untersuchung verwendete Studie über Türken in München auch die Kurden miteinbezieht und deshalb alle gewonnenen Ergebnisse über die Türken relativiert werden müssen. Trotzdem lassen sich neben vielen Gemeinsamkeiten auch eklatante Unterschiede feststellen, die sich meist aus dem kulturellen Umfeld der Kurden erklären lassen.

a) Soziale Kontakte

Die Kurden zeigen kein abgrenzendes Verhalten gegenüber Deutschen oder anderen Nationalitäten und ziehen sich nicht auf ausschließliche Kontakte mit Landsleuten zurück. Soziale Kontakte werden vor allem im Nachbarschaftsbereich geschlossen, eine Präferenz, die sie mit den Türken teilen. Auch zu Türken haben die befragten Kurden wenn auch geringeren so doch ausreichenden persönlichen Kontakt, doch pflegen die meisten keine Arbeits- oder Schulfreundschaften mit ihnen.

b) Staatsangehörigkeit und kulturelle

Orientierung

Die Bleibeabsicht, der Wunsch nach einer deutschen Staatsbürgerschaft und die Verlagerung des Lebensmittelpunkts nach Deutschland, bzw. München ist bei Kurden, genauso wie bei Türken, sehr häufig festzustellen. Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, daß ein Teil der Kurden einen sehr unsicheren Aufenthaltsstatus hat, da diese Kurden als politisch Verfolgte nach Deutschland kamen und auf ihre Anerkennung als Asylberechtigte warten.Die kulturelle Orientierung hingegen ist verschieden: Bei Kurden ist entweder eine Hinwendung zu ihrer eigenen Kultur, z.B. starkes politisches Engagement für ihr Heimatland, gegeben, oder ein Vorzug des deutschen Kulturangebots, z.B. der Besuch deutscher Vereine, Einrichtungen, bzw. die Nutzung deutscher Medien vor den türkischen zu beobachten. Zudem spielt für die befragten Kurden Religion eine ungleich unwichtigere Rolle als für Türken.

c) Sprache

Hier läßt sich ein Unterschied zwischen den kurdischen Befragten und den allgemeinen Angaben über Türken feststellen. Die kurdischen Befragten scheinen weniger große Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache zu haben, als es unter den türkischen Migranten der Fall zu sein scheint. Dies kann zum einen darauf zurückzuführen sein, daß sich unter den kurdischen Befragten ein relativ hoher Anteil an Akademikern befindet, es kann aber auch darauf hindeuten, daß Kurden, die bereits in ihrer Heimat mit zwei Sprachen zurechtkomme mußten, in dieser Hinsicht flexibler sind als die Türken. Die hohe Nutzung der deutschen Medien würde diese These bestätigen. Auch die Sprache, ein wichtiges Integrationsinstrument, scheint also seitens der Kurden kein Hindernis darzustellen.

d) Ausbildung und Beruf

Obwohl beide Migrantengruppen am Arbeitsmarkt gleichermaßen gegenüber den Deutschen benachteiligt sind, öfters von Arbeitslosigkeit betroffen sind und schlechtere Einkommen beziehen, lassen sich bei den Kurden doch einige Besonderheiten feststellen: Unter den befragten Kurden befinden sich viele höher Qualifizierte und Akademiker, während unter den Türken viele keine Schul- oder Berufsausbildung vorweisen können und Hilfsarbeiten ausführen. Dies mag auf die Tatsache zurückzuführen sein, daß ein großer Teil der Kurden aus politischen Gründen nach Deutschland kam, während bei den Türken fast ausschließlich wirtschaftliche Gründe im Vordergrund stehen. Auch die Sprachkenntnisse mögen hierbei eine Rolle spielen.

e) Wohnsituation

Auch hier ist die Situation für beide Gruppen generell sehr schlecht und es werden bei einem, wie festgestellt wurde, geringem Einkommen sehr hohe Mieten bezahlt.Die Wohnsituation in München zeigt jedoch, daß es keine räumlichen Ghettos gibt, in denen eine höhere Konzentration einer bestimmten Nationalität vorherrscht. Es gibt jedoch Armutsviertel, d.h. Viertel mit sozialräumlichen Handlungsbedarf. Sowohl die Türken als auch die Kurden leben verstärkt in diesen Vierteln, wenn sich auch die Türken eher in Neuperlach und Obergiesing und die Kurden vermehrt in Milbertshofen und Haidhausen/Berg am Laim niedergelassen haben.

f) Beziehung zum Gastland

Die Zufriedenheit mit den gegebenen Lebensverhältnissen sind den Umständen entsprechend bei beiden Gruppen allgemein nicht sehr hoch, mit Ausnahme der Bewertung des Lebensstandards, den die Türken als relativ hoch einschätzen. Beide Gruppen fühlen sich sowohl von deutschen Mitbürgern als auch von deutschen Behörden diskriminiert, wobei bei den Türken zusätzliche Probleme durch Sprachschwierigkeiten auftauchen. Die Kurden hingegen können sich bei Behördengängen besser artikulieren und wenden sich bei Problemen direkt an die Behörden, an kurdische oder deutsche Freunde, nie aber an Türken.Beide Gruppen schätzen ihre eigenen Eigenschaften schlechter ein als die der Deutschen, wobei die Kurden sich jedoch noch vor die Türken setzen. Das Gefühl, von den Deutschen in ihrer Identität nicht wahrgenommen und verstanden zu werden, bereitet vor allem den Kurden Kummer.

Zur „Doppelten Ghetto“ Situation

Eine Auswertung der aus der empirischen Studie gewonnenen Ergebnisse über die Kurden in München führt unter Einbeziehung der Aussagen, die über die Türken in München herausgearbeitet wurden, und vor dem Hintergrund der theoretischen Vorgaben, zur Beantwortung der Frage nach einer "doppelten sozialen Ghettobildung" der Kurden in München.Festzuhalten ist zunächst, daß es sich bei Türken und Kurden um zwei völlig unterschiedliche ethnische Gruppen mit unterschiedlichem Ursprung, unterschiedlicher Sprache und Kultur und einem weitgehend unterschiedlichen Gesellschaftsaufbau handelt.

Die türkische Assimilationspolitik der letzten Jahrzehnte hat die Kurden zu einer „türkischen Minderheit“ deklariert, obwohl sie in ihrem eigenen Gebiet in Nord- Kurdistan die Bevölkerungsmehrheit darstellen, jedoch durch völlige Aberkennung ihrer ethnischen Eigenständigkeit keinen eigenen sozialen und kulturellen Status zugebilligt bekommen.Diese Situation führt sich im deutschen Exil fort. Auch hier werden Kurden aus Nordkurdistan sozial und kulturell unter ihrer türkischen Staatsangehörigkeit eingestuft, so daß sich die türkische Assimilationspolitik in ihrer ganzen Konsequenz in Deutschland fortführt. Die nach Deutschland importierte türkische Assimilationspolitik führt sich nicht nur in passivem Sinne, d.h. in der bloßen Nichtanerkennung der kurdischen Identität fort, sondern wird auch in aktiver Weise gepflegt.

So ist es z.B. den kurdischen Kindern meist nicht nur versagt, an einem schulischen Ergänzungsunterricht in kurdischer Sprache teilzunehmen, vielmehr noch müssen sie aufgrund ihrer türkischen Staatsangehörigkeit eine oft für sie vollkommen fremde Sprache, das Türkische, neu erlernen, weil sie für deutsche Behörden als „Türken“ gelten.Fest verankerte demokratische Rechte, die jeder anderen Minderheit zugestanden werden, können für die Kurden nicht auf staatlicher sondern, wenn überhaupt, meist nur auf kommunaler Ebene verwirklicht werden und treten dort eher als kulante Zugeständnissen denn als gewährte Rechte auf, die noch dazu jederzeit von staatlicher Seite unterbunden werden können.

Auswirkungen der „Doppelten Ghetto“

Situation

Die empirische Untersuchung der Kurden in München und ein Vergleich mit den Münchener Türken zeigt, daß beide Migrantengruppen, die ja in den Augen der aufnehmenden Gesellschaft eine Einheit bilden, im Vergleich zu EU-Ausländern einer allgemein hohen Diskriminierung gegenüber ihren deutschen Mitbürgern unterworfen sind. Hiervon sind Kurden wie Türken gleichermaßen betroffen.Eine weitere also doppelte Ausgrenzung der Kurden geschieht jedoch zusätzlich noch durch die Nichtwahrnehmung ihrer kurdischen Identität. Nicht nur im täglichen Wohn- und Arbeitsbereich werden sie als Türken betrachtet und behandelt, auch auf den Behörden genügt die türkische Staatsangehörigkeit um als Türke zu gelten. Die Benachteiligung ist mannigfaltig: Durch das Fehlen kurdischer Einrichtungen, z.B. kurdischer Beratungsstellen, werden Kurden zwangsläufig dazu getrieben, sich selbst als Türken einzuordnen, d.h. türkische Einrichtungen aufzusuchen und auf die türkische Sprache zurückzugreifen. Obwohl die Gruppe der Kurden ca. 15.000 Migranten in München umfaßt, gibt es bei Behördengängen keine Möglichkeit, Informationen in kurdischer Sprache zu bekommen. Die kurdische Sprache wird auf diese Weise von den deutschen Behörden ebensowenig zur Kenntnis genommen wie ihre Sprecher und zu einem türkischen Dialekt degradiert. Dies birgt nicht nur die Verletzung der kurdischen Identität in sich, sondern kann zeitweilig sogar dann schlimme Folgen haben, wenn ein Kurde ausschließlich seine Muttersprache, Kurdisch, perfekt beherrscht und sich in sprachlich schwierigen Situationen, z.B. vor Gericht, in Türkisch nicht richtig ausdrücken kann.

Die Auswertung der Untersuchungen haben ergeben, daß die Kurden gegenüber den Deutschen durchaus in einem sehr positiven und integrativen Verhältnis stehen, während die politischen Spannungsverhältnisse der Kurden und Türken auch hier in Deutschland spürbar sind und sich so auf die gegenseitigen Beziehungen auswirken. Integrationsarbeit, die ja von beiden Seiten aus geleistet werden muß, kann jedoch nur erfolgreich sein, wenn eine Minderheit in ihrer vollkommenen Identität anerkannt wird und eine direkte kulturelle Auseinandersetzung mit dieser Minderheit stattfindet, d.h. wenn es zu einem gegenseitigen kulturellen Austausch der sich integrierenden und der sie aufnehmenden Gesellschaft kommt.Dadurch daß die Kurden von den Deutschen in die Gruppe der Türken, mit der sie ohnehin in einem eher gespannten Verhältnis stehen, eingeordnet werden, werden sie in ihrer direkten Integration in die aufnehmende Gesellschaft der Deutschen verhindert, denn die Auseinandersetzung mit ihnen findet stets unter falschen Voraussetzungen statt, da sich die Kurden in ihrer Herkunft, Sprache, Religion und Kultur grundlegend von den Türken unterscheiden.

Die Situation der doppelten Ausgrenzung, die sich auf vielen Ebenen manifestiert, stellt nicht nur ein großes Integrationshindernis für die Kurden dar, sondern birgt auch die Gefahr in sich, daß die Integrationsbereitschaft der Kurden, die gegenwärtig noch sehr hoch ist, sich mit der Zeit verliert wenn langfristig keine Lösung der gegenwärtigen Mißstände in Sicht ist.Wie die Untersuchungen zeigen, haben die Kurden auf verschiedenen Ebenen einen hohen Grad an Integration erreicht. Vollkommen integrieren können sie sich jedoch erst, wenn sie als eigenständige Minderheit betrachtet und behandelt werden. Integration durch die Mauer einer anderen Minderheit hindurch ist niemals möglich, denn eine andere Migrantengruppe ist nicht nur durch kulturelle Unterschiede geprägt, sondern auch einem anderen Integrationsprozeß unterworfen, d.h. hat seine eigene Integrationsgeschichte. Erschwerend kommt im vorliegenden Fall noch hinzu, daß es sich um zwei Migrantengruppen handelt, die untereinander in einem politischen Spannungsfeld stehen. Die doppelte soziale Ghettoisierung der Kurden kann also nur dann verhindert werden, wenn die Kurden aus der Gruppe der Türken herausgelöst werden und sich als eine eigenständige Minderheit mit allen damit verbundenen Rechten und Pflichten in die deutsche Gesellschaft eingliedern können und eingegliedert werden.Maßnahmen der Stadt MünchenAuch in der Stadt München wurden die Kurden lange Zeit nicht als eigenständige Migrantengruppe zur Kenntnis genommen. Politische Konfliktsituationen, durch die die allgemeine Aufmerksamkeit, wenn auch in negativer Weise, auf die Situation der Kurden gelenkt wurde und die alljährliche Debatte um die Ausrichtung des kurdischen Neujahrsfestes (Newroz), machten es auf lange Frist unumgänglich, sich mit den Problemen der Kurden auseinanderzusetzen.

Ein wichtiger Schritt zur Anerkennung der Kurden wurde in München durch die Einrichtung des „Runden Tisches“ im Münchener Rathaus getan. Hier sollten Anliegen und Probleme der Kurden und Kurdinnen in München gemeinsam mit dem Oberbürgermeister, Christian Ude, besprochen werden. Ziele des „Runden Tisches“ sollten u.a. sein, „den Dialog mit den hier lebenden Kurden und Kurdinnen aufzunehmen, Mittel und Wege zu suchen, um die kulturelle Identität der Kurden und Kurdinnen zu wahren und beim Aufbau neuer kurdischer Zentren behilflich zu sein.“ AusblickMaßnahmen, die einer „doppelten Ghettosituation“ der Kurden langfristig entgegenwirken könnten, sind nur durch eine grundlegende politische Lösung zu erreichen. Kommunalpolitische Konzessionen auf rein kultureller Basis können ohne eine endgültige Klärung der politischen Voraussetzung auf staatlicher Ebene jederzeit behindert oder wieder rückgängig gemacht werden.Die deutsche Politik scheut davor zurück, die Kurden als Volksgruppe anzuerkennen, da dies zu einer diplomatischen Konfliktsituation mit dem Handels- und Natopartner Türkei führen würde. Durch diese Nichtanerkennung wird jedoch gleichzeitig auch jede Betonung der kurdischen Nationalität, auch wenn dies nur auf kultureller Ebene stattfindet, kriminalisiert. Dies führt zu einer kulturellen Unterdrückung und birgt die Gefahr der „doppelten Ghettoisierung“ der Kurden in sich.Die Furcht vor einem Import der türkisch-kurdischen Konfliktsituation hat sich auf diese Weise zu einer kurdisch-deutschen Konfliktsituation verlagert, da den kurdischen Migranten ein unüberwindliches Integrationshindernis in den Weg gelegt wird.

Verfasser:RG

„Zwischen Integration und Assimilation - Zur Situation der Kurden in München“ - 300 S./Forschung an der Universität München (LMU).

 

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